Baukultur in Japan

Tee, Tatami, Tradition


Schiebetüren prägten schon vor mehr als 500 Jahren die japanischen Teehäuser. Auch in der modernen japanischen Architektur sind Schiebetüren nicht wegzudenken – ermöglichen sie doch einen kreativen Umgang mit dem äusserst knappen Wohnraum.



Eigene Räume für die Teezeremonie sind heute selten mehr

Die japanische Teezeremonie Chedō ist mehr als nur das Trinken einer Tasse Tee. Ihr Ablauf ist klar festgelegt und wurde 1564 vom japanischen Teemeister Sen no Rikyū niedergeschrieben. Den rituellen Rahmen bildet das extra dafür gebaute Teehaus. Dessen Gestaltung wiederum prägt seit mehr als 500 Jahren die japanische Architektur im Alltag. Dies gilt vor allem für die Schiebetüren aus Holz (Fusuma) oder einem mit halbtransparenten Papier bespannten Holzrahmen (Shōji).

In traditionellen japanischen Häusern hatten sie vor allem praktische Zwecke: Als Teil der Aussenwand sorgten sie während der Monsunzeit im Juni und Juli in geöffnetem Zustand für gute Luftzirkulation, im Innern dienten sie als Schranktüren und erlaubten eine flexible Unterteilung der Räume. Denn fest zugeteilte Raumfunktionen finden sich in Japan bis heute selten. So verschwinden beispielsweise die Futons tagsüber hinter schiebbaren Schranktüren und in der Nacht erlauben Schiebewände die Abtrennung des Schlafbereichs.

Kreativer Umgang mit der knappen Fläche
Die Raumunterteilung mit Schiebewänden hat sich wegen der engen Verhältnisse auch im modernen Japan gehalten. Lebten 1960 noch 90 Millionen Menschen auf den japanischen Inseln, sind es heute mehr als 120 Millionen. Die Japaner müssen sich mit 23 Quadratmetern Wohnfläche pro Person begnügen, der Hälfte unseres Bedarfes. Die Grundstücke sind eng, die Wohnungen klein und die Nachbarhäuser oft nur eine Armlänge entfernt. Das verlangt einen kreativen Umgang mit der Fläche.


Die Büronische des M Manison mehr

Wie man mit dem knappen Raum geschickt umgehen kann, zeigt das Architektenduo Kayoko Othsuki und Alistair Townsend vom Büro BAKOKO aus Matsudo bei Tokio. Die Japanerin und der Engländer kauften sich 2008, als sie von London kommend ihr Büro in Japan gründeten, ein Appartement in einem der typischen gesichtslosen Wohnblocks im Dunstkreis von Tokio. Durch den Umbau haben sie aus dem nur gerade 37 Quadratmeter grossen Appartement eine vielseitig nutzbare Wohnung geschaffen. Sie besteht aus einer offenen Küche und einem, multifunktional nutzbaren Raum. Er ist Wohnzimmer, Esszimmer, Büro und Schlafzimmer zugleich. Die einzelnen Funktionen verstecken sich hinter schiebbaren Elementen: Eine Büronische, ein begehbarer Kleiderschrank, Regale und Stauraum für die Futons, die nachts auf Tatami-Matten ausgelegt werden. Ebenfalls durch eine Schiebetür abgetrennt ist der Zugang zum Nassbereich mit Dusche und Waschbecken.
M Mansion

Wenig Vorschriften, viel Phantasie
Auch wenn ein Grossteil der Japaner in Appartements lebt, träumen viele vom eigenen Haus. Die Umsetzung ist ebenfalls vom knappen Raum geprägt: Das Haus belegt meist den grössten Teil des Grundstückes, weshalb der Garten oft nicht einmal zum Aufstellen eines Tisches reicht. Allerdings machen japanische Architekten die Enge durch kreative Architektur wett. Dabei kommt ihnen das geltende Baugesetz entgegen: Strikt sind meist nur die Vorschriften für den Schutz gegen, Feuer, Erdbeben und Tsunamis, ansonsten haben die Planer freie Hand.


Geöffnetes Obergeschoss des Big Window House mehr

Welche speziellen Lösungen so entstehen können, zeigt das Big Window House von Tezuka Architects. Das Tokioter Architektenpaar Yui und Takaharu Tezuka gehört zu den Stars der japanischen Architekturszene und wurde 2009 in einer Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums geehrt. Beim Big Window House ist das Grundstück so klein, dass der wenige vorhandene Aussenraum gerade zum Abstellen des Autos reicht. Den fehlenden Garten machen die Architekten mit einer nach unten verschiebbaren raumhohen Glasfassade im ersten Obergeschoss wett. Ist sie geöffnet, wird das ganze Stockwerk zu einem grossen Balkon mit Blick auf den benachbarten Park. Die Wohnfläche auf den zwei Geschossen beträgt gerade mal 95 Quadratmeter. Schiebetüren sorgen deshalb auch hier für eine optimale Raumnutzung. Die schiebbare Eingangstür vergrössert den Bewegungsraum in der Garderobe, im Bad schafft eine Schiebetür Platz für eine Dusche und zimmerbreite Schränke mit Schiebetüren stellen ausreichend Stauraum bereit – ganz in der Tradition des japanischen Hausbaus.
Big Window House

Tradition modern interpretiert
Eigene Räume für die Teezeremonie sind angesichts der Enge in japanischen Häusern heute selten. Reicht das Budget aber für ein grösseres Haus, findet sich auch der traditionelle Raum wieder. So etwa im Steel House entworfen von Kengo Kuma & Associates, einem weiteren Büro der neueren japanischen Architekturschule. Das Haus in Tokio fällt durch seine Wellblechfassade auf, die an die Aussenwände von Güterwagen erinnert – ein Wunsch des Bauherrn, der sich für Eisenbahnen interessiert. Der Raum für die Teezeremonie, ein weiterer Wunsch der Bauherrschaft, ist neben der Eingangshalle angeordnet. Shōji-Schiebetüren mit Papierbespannung vor den modernen Fenstern sorgen für weiches, gleichmässiges Licht, der Boden ist mit Tatami-Matten ausgelegt. Eine mehrteilige Schiebewand ermöglicht die Abtrennung von Eingangshalle und Zeremoniebereich, mit separater Nische für die Zubereitung des Tees. Eine Lösung, die einerseits die traditionellen Regeln von Sen no Rikyū von 1564 respektiert, andererseits die Verwendung von Schiebeelementen im Rahmen der japanischen Teezeremonie zeitgemäss interpretiert.
Steel House


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