Individuelle Ästhetik

Interview mit Rainer Hofmann

 

 


Die Wohnsituation in den Universitätsstädten ist häufig prekär. Gerade Studierende zahlen oft sehr hohe Mietpreise für wenig Wohnqualität. Eine zweckmässige und vergleichsweise preiswerte Art zu wohnen bieten eigens für sie konzipierte Wohnhäuser. Das Architekturbüro «bogevischs buero» aus München hat in den letzten Jahren mehrere solcher Häuser entworfen –  darunter 2010 die „Panzerwiese“ in München und 2014 das „Upper West Side“ in Ulm. Rainer Hofmann, Inhaber des Architekturbüros, setzt bei seinen Entwürfen auf die Qualität der Gemeinschaftsbereiche und auf eine flexible Gestaltung – sowohl bei der Möblierung als auch bei den grossen Fassadenflächen.

Herr Hofmann, wie sollte Ihrer Meinung nach für Studierende gebaut werden?


Unserer Erfahrung nach kommt gerade bei Wohnanlagen mit vielen einzelnen Apartments den Erschliessungsbereichen und Gemeinschaftsflächen eine grosse Bedeutung zu. Denn dort entstehen gewollte, aber auch informelle Begegnungen, die für die Identifikation und Sozialisierung der Studierenden mit ihrem temporären Wohnort wesentlich sind.

 



Appartement-Grundriss Studierendenwohnheim „Panzerwiese“

 


Der allgemeine Trend beim Bau von Wohnhäusern für Studierende geht weg vom herkömmlichen „Wohnheim“, hin zu Wohngruppen und Apartments mit eigenem Bad und Kochnische. Inwiefern haben sich die Ansprüche der Studierenden an Raum, Komfort und Privatsphäre verändert?

Wohnanlagen für Studierende bieten Raum für Sozialgemeinschaften, die trotz der omnipräsenten virtuellen Gemeinschaftsräume ein nicht weg zu diskutierendes Grundbedürfnis widerspiegeln. In den letzten Jahrzehnten hat sich aber das Bedürfnis nach Rückzugsräumen stark erhöht. Gemeinschaft wird gesucht, aber nur dann, wenn Rückzug eine Option bleibt. Aus diesem Grunde können auch Kleinstapartments ohne eigenes Bad fast nicht mehr vermietet werden. Beim gemeinsamen Kochen sind nach wie vor zwei Modelle gefragt: Apartments mit eigener Mikroküche und solche, die sich eine Gemeinschaftsküche teilen. Wohngemeinschaften mit geteilten Bädern funktionieren heute meiner Erfahrung nach nur, wenn die Nutzergruppe klein ist.

 

Worauf haben Sie bei der Gestaltung der Wohnhäuser in Ulm und München ausserdem Wert gelegt?

 

Neben der funktionalen Gestaltung der Zimmer und der attraktiven Ausformulierung von Treffpunkten und Erschliessungszonen, spielte für uns auch die Gestaltung der Fassaden dieser grossen Häuser eine wichtige Rolle. Die Herausforderung dabei war es, den Bauten trotz der vielen Zimmer und Fenster auch nach Aussen ein Gesicht zu geben.

 


Funktonale Fassadengestaltung mit ästhetischem Anspruch: „Upper West Side“ in Ulm. 

 

 

Zur Fassadengestaltung gehört stets auch der Sonnen- und Sichtschutz – ein architektonisch prägendes Element. Sie haben sich bei beiden Studierendenwohnhäusern für Faltschiebeläden entschieden. Waren vor allem ästhetische Beweggründe ausschlaggebend für Ihre Wahl?

 

Hier waren tatsächlich primär ästhetische Gründe ausschlaggebend: die Läden kommen durch die individuelle Benutzung in einer Vielzahl von Positionen zu stehen – was zu einer willkommenen Belebung der ansonsten sehr ruhig gehaltenen Fassaden führt.  

 

Die beim Haus „Upper West Side“ in Ulm verwendeten Faltschiebeläden sind von einer konstruktiven Besonderheit geprägt: sie verschwinden in zusammengeklapptem Zustand optisch in der Leibung. Was war nötig, um die konstruktiven und ästhetischen Bedingungen so zu vereinen?


Neben dem Willen, die Fassade auf diese Weise zu detaillieren, war viel Durchhaltevermögen gefragt, aber auch ein Bauherr, der mitspielte – und eine ausführende Firma, die die Intention verstand.

 

Beim Wohnhaus „Panzerwiese“ in München übernehmen die Faltschiebeläden darüber hinaus noch eine ganz andere Funktion. Wie kam es dazu?


Das Licht sollte über die offenen Läden  – die wie Segelohren auf den Hausfassaden sitzen – in die Zimmer geleitet werden. Die Läden übernehmen dabei die Funktion von Reflektoren, was zu wunderschönen, lichtdurchfluteten Innenräumen führt. Dank der beweglichen Faltschiebeläden können die Bewohner ihre Zimmer aber auch jederzeit vor zu viel Sonne schützen. Neben der funktionalen Lösung der Belichtung und der Verschattung der Zimmer, führten auch bei diesem Projekt die sich stets ändernden Positionen der Läden zu einer komplexen Fassadengestalt. Funktion und Gestaltung gehen Hand in Hand.

 

 

Lichtspiel dank Faltschiebeläden im Wohnhaus „Panzerwiese“ in München



Vielen Dank für das Gespräch!


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Kontrastierende Fensterleibungen aus gelbgrünem Aluminium und dazu gehörende dunkelgraue Faltschiebeläden verleihen der Sichtbetonfassade des Studentenwohnhauses in Ulm Rhythmus, Abwechslung und Farbe.

Aluminium-Kontraste





Ein verblüffendes Spiel mit Rottönen, die sich je nach Blickwinkel ändern, zeichnet die Studentenwohnanlage Panzerwiese in München aus.

Mehr als ein Dach über dem Kopf


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