«Perfekte technische Lösungen sind Teil der Schweizer DNA.»

Interview mit Maria Alessandra Segantini

 

 

 

Die italienische Architektin Maria Alessandra Segantini, und die von ihrem Büro c+s architects entworfene Küche @home, spielen im neuen Unternehmensfilm von Hawa eine wichtige Rolle. Derzeit zeigt c+s zudem das Objekt «eduCARE» an der Biennale in Venedig.

 

Frau Segantini, dieses Jahr wurde Ihr Büro bereits zum zweiten Mal an die Biennale in Venedig eingeladen. Ist das für Sie nur eine Ehre, oder auch eine Bürde?

Maria A. Segantini: Letztes Mal waren wir Teil der Ausstellung im italienischen Pavillion, dieses Mal können wir unsere Arbeit aber im Rahmen der Hauptausstellung zeigen. Das ist eine grosse Ehre für uns und zugleich eine Möglichkeit unser Schaffen kritisch zu reflektieren.

 

Mit eduCARE zeigen Sie in Venedig einen schwebenden Laufsteg mit der Form einer Helix. Welche Idee steht dahinter?

Vor 15 Jahren haben wir festgestellt, dass bei den Schulgebäuden in Italien eine Misere herrscht: Sie sahen aus wie Kisten, die von Ingenieuren oder Architekten gebaut wurden, die einfach stur den Standards folgten. Platz für richtige Architektur gab es keinen. Durch unser Engagement konnten wir hier ein Umdenken in Gang setzen. Wir haben es geschafft, dass Schulen wieder wichtige Treffpunkte innerhalb der wachsenden Städte sind und zum Zusammenleben beitragen. Unsere Ausstellung an der Biennale reflektiert diesen Prozess und der schwebende Laufsteg symbolisiert einen Knoten, der sich gelöst hat – dadurch ist er zugleich eine Metapher für unsere Schulen.

 

 Foto: C+S Architects

 

Viele Ausstellungsstücke werden nach der Biennale entsorgt. Was soll mit eduCARE geschehen?

Wir möchten die Struktur gerne zu einem möglichst hohen Preis verkaufen und mit dem Geld ein Schulprojekt in Tansania oder Kenia realisieren. So würde aus einem Stück Kunst ein Stück Realität.

 

Ist die Biennale für Sie einfach eine Architekturschau oder können Sie auch Inputs für Ihren Alltag mitnehmen?

Wir haben in Venedig sehr viele Inputs erhalten. Insbesondere weil wir uns während des Aufbaus mit den anderen Architekten austauschen und unsere Ideen sowie Sorgen miteinander teilen konnten.

 

Welches Ausstellungsstück der aktuellen Biennale beeindruckt sie am meisten?

Ich habe viele interessante Objekte gesehen. Am besten gefallen hat mir, dass alle Aussteller gegen die Mittelmässigkeit in der Architektur kämpfen. Die Präsentation von Zhang Ke oder die schwimmende Schule von Kunlé Adeyemi sind gute Beispiele dafür. Beeindruckt hat mich auch der kanadische Professor Jan van Pelt, dessen Werk sich mit dem Holocaust auseinander setzt.

 

Vor zwei Jahren haben Sie mit dem Konzept @home für den italienischen Hersteller Elmar eine sehr unkonventionelle Küche entworfen. Bei der Realisation kamen Beschläge von Hawa zum Einsatz. Wie sind Sie auf die Produkte gestossen und was hat Sie daran überzeugt?

Manchmal fehlt uns Architekten ein kleines, aber wichtiges Element um unsere Ideen realisieren zu können. Die Beschläge von Hawa waren bei @home genau dieses wichtige Puzzlestück. Als wir die Küche entwarfen, hatten wir die Vorstellung eines Schranks, der in offenem Zustand ein Teil des Raums wird. Dazu mussten die Türen aber möglichst verschwinden – der Faltschiebebeschlag von Hawa hat uns genau das ermöglicht. Meiner Meinung nach können nur Schweizer Unternehmen wie Hawa solch perfekte technische Lösungen schaffen. Das scheint in der Schweizer DNA zu stecken – schauen Sie sich nur all die ausgefeilten Uhren an!

 

 

Die Küche @home.

 

Welche Ideen haben Sie beim Entwurf von @home beeinflusst?

Zwei Dinge: Die Idee eines Tischs, der das Zentrum des Wohnraums bildet und Erinnerungen aus meiner Kindheit. Anstatt einer üblichen Kücheninsel, die zu hoch ist um sie als Tisch zu gebrauchen, haben wir eine hybrid nutzbare Tischfläche entworfen, die Kochstelle, Arbeitsfläche und Treffpunkt in einem ist. Beim Küchenschrank wiederum inspirierte uns die Küche meiner Grosseltern aus der Zeit meiner Kindheit. Sie hatten offene Regale und die Dinge darauf waren zum Schutz mit farbigen Papieren abgedeckt. Wir haben dieses Bild genommen und die farbigen Oberflächen bei der Auskleidung des Schranks aufgenommen. Wenn man die Türen aufmacht, sieht man also eine Kindheitserinnerung von mir, sind die Türen geschlossen, wird der Schrank zu einem Teil der Wohnraummöblierung.

 

Haben Sie seit dem Entwurf der Küche andere Beschläge von Hawa verwendet?

Bis jetzt nicht, aber ich denke, dass unsere Entwurfsideen und die technischen Lösungen von Hawa perfekt zueinander passen. Wer weiss, was die Zukunft noch bringt….

 

Sie und @home spielen eine Rolle im aktuellen Unternehmensfilm von Hawa – eine Premiere für Sie?

Ja, das war mein erste Filmrolle und eine spannende Erfahrung.

 

 

 Szenenbild aus dem Hawa Corporate Movie. mehr

 

Unsere Welt und unsere Gesellschaft befinden sich in einer Phase der Veränderung. Welche Herausforderungen sind damit für Architekten verbunden?

Wohnraum ist derzeit ein grosses Problem, vor allem weil viele Leute aus anderen Regionen zu uns kommen. An einigen Orten sind wir mit Situationen konfrontiert, die an das 19. Jahrhundert erinnern, als viele vom Land in die Stadt zogen: So wohnen grosse Familien heute zum Teil unter schlechten Bedingungen in viel zu kleinen Wohnungen. Dafür müssen wir Architekten Lösungen finden. Das können wir aber nur, wenn unsere Auftraggeber bereit sind in gute Wohnbauprojekte zu investieren. Wichtig ist zudem, dass wir nicht nur einfach Wohnraum bauen, sondern auch Orte schaffen, wo die Leute gerne zusammen leben und Teil der Gemeinschaft sind.

 

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang flexibel nutzbare Räume und falt- oder schiebbare Elemente?

Kleine Wohneinheiten, in denen fast alles beweglich oder faltbar ist, werden künftig sehr wichtig sein. Das Massachusetts Institute of Technology beschäftigt sich beispielsweise aktuell intensiv mit dem Thema. Für mich sind kleine, vielfältig nutzbare Räume eine traditionelle Möglichkeit qualitativ hochstehenden Wohnraum zu schaffen. Ich lebe in Venedig und die vielen Schiffe hier sind ein gutes Beispiel: Sie bieten im Innern wenig Raum und die knappe Fläche wird für viele Funktionen, wie Kochen, Essen oder Schlafen genutzt. Möglich machen das beispielsweise faltbare Tische oder klappbare Betten. So gesehen sind Schiffe extrem vielfältig nutzbare kleine Gebäude – und an dieser Qualität sollten wir Architekten uns orientieren um auf die neuen Anforderungen reagieren zu können. Im Klartext heisst das aber auch: Die Zeit der Architektur der Moderne mit ihren monofunktional genutzten Räumen ist vorbei!

 

Biografie: Maria Alessandra Segantini (49) wurde in Treviso (I) geboren und hat an der Universität von Venedig ihren Master in Architektur erworben. Im Jahr 1994 gründete sie zusammen mit Carlo Cappai in Treviso/Venedig das Architekturbüro c+s. Neben ihrer Arbeit fürs eigene Büro ist sie Gastprofessorin am MIT (Cambridge, USA) und am Lehrstuhl für Architektur der Universität UEL Architecture in London (UK).

 

Text: Reto Westermann, Alpha Media



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