Prof. Michael Schumacher

Bewegliche Fassadenelemente brauchen
eine Choreographie





Michael Schumacher (*1957) führt seit 1988 zusammen mit Till Schneider das Architekturbüro schneider+schumacher mit Hauptsitz in Frankfurt am Main. Neben seiner Tätigkeit als Architekt unterrichtet Schumacher seit 2007 als Professor für Baukonstruktion und Entwerfen an der Leibniz Universität in Hannover. Das Büro schneider+schumacher ist vor allem in Deutschland und Österreich tätig, baut aber auch in der Schweiz, Frankreich, China und Russland. Zu den aktuellen Projekten zählt der im Februar eröffnete Erweiterungsbau des Städel Museums in Frankfurt am Main.


Gebäude sind per Definition immobil. Trotzdem haben Sie als Architekt ein Buch mit dem Titel «move» herausgegeben. Ein Widerspruch?
Nein, denn ich bin auch bei Gebäuden immer wieder mit beweglichen Teilen konfrontiert. Dabei geht es vor allem um Elemente, die für das Einsparen von Energie oder für die Nutzung von Räumen für veränderbare Nutzungen wichtig sind. Ich denke dabei an Fenster, Türen, Schiebe- und Klappläden oder Verschattungselemente, aber auch an grosse Dächer über Stadien.

«move» deutet an, dass Sie eine ganz spezielle Faszination für Bewegung haben.
Das Thema hat in der Tat eine ganz eigene Poesie. Die durch Funktionen vorgegebenen Bewegungen an einem Gebäude können schön oder hässlich sein, je nachdem wie man die dafür nötigen Elemente konstruktiv löst.

Nicht alle Architekten scheinen sich mit dem Thema leicht zu tun. Sie hingegen widmen sich bewusst der Aufgabe.
Die Planung solcher Elemente ist schwierig und für Architekten ungewohnt. In der Regel hat man beim Entwerfen einen gewissen Spielraum. Bei den beweglichen Elementen hingegen gibt es eine klar definierte Funktion, von der keine Abweichungen möglich sind. Unser Büro hat sich intensiver als andere mit beweglichen Elementen beschäftigt und eine gewisse Affinität dazu entwickelt. Unser Anliegen ist es, dass die technisch oder funktional nötigen beweglichen Elemente auch eine ästhetische und architektonische Bedeutung für das Gebäude bekommen.

Haben Sie deshalb eine eigene Kinetikabteilung in Ihrem Büro geschaffen?
Es gibt unzählige Motoren, Scharniere, Schalter, Sensoren und Sicherheitsvorschriften, die man nicht alle kennen kann. Wir Architekten denken mehr in Formen, Farben und Strukturen und weniger in den Dimensionen des Maschinenbaus. Aber genau dazu zwingt einen die Bewegung und hierfür braucht es spezialisierte Leute. Deshalb haben wir die Kinetikabteilung gegründet. Unser Ziel ist es, mit der Zeit eigene Spezialisten zu haben, die einerseits die architektonische Seite beherrschen, andererseits die konstruktive Seite beweglicher Fassadenelemente verstehen und so als Mittler zwischen Architektur und Fassadenhersteller auftreten können.

Das Beherrschen der technischen Lösungen ist eine Seite. Wie gehen Sie mit der architektonischen Herausforderung um?
Es braucht eine eigentliche Choreografie der beweglichen Elemente, die alle denkbaren Situationen mit einbezieht. Also beispielsweise Sonne, Schatten, Tag oder Nacht. Das ist komplex und macht für mich zugleich auch den Reiz aus.

Gibt es Beispiele aus Ihrer Arbeit, wo das ganz besonders zutrifft?
Eines der interessantesten Beispiele ist unser Wettbewerbsprojekt für einen Hotelturm auf der zu Iran gehörenden Insel Kish im Persischen Golf. Bei diesem Projekt sind die beweglichen Teile in der Fassade ein integraler Bestandteil und übernehmen gleich mehrere Funktionen: Sie produzieren durch Solarzellen Strom, sie verändern das Aussehen des Gebäudes im Tagesverlauf, sie schützen vor den sich stark ändernden klimatischen Bedingungen und sie interpretieren bekannte Ornamente aus der arabischen Kultur in moderner Form.



In anderen Wettbewerben, zum Beispiel für die Credit Suisse in Frankfurt, haben sie Schiebeläden vorgeschlagen. Was gab den Ausschlag?
Schiebeläden waren bei diesen Projekten grundsätzlich die praktischste, sinnvollste und ganz einfach auch die schönste Lösung. Beim Entwurf für die Credit Suisse ging es zudem konkret darum, ein einfaches und gleichzeitig optisch reizvolles Verschattungselement zu entwerfen.

Als Professor lassen Sie Ihre Studierenden gerne bewegliche Fassadenlösungen entwerfen. Was geben Sie ihnen dabei mit auf den Weg?
Ziel der Seminare ist es, dass die Studierenden ein Gefühl für bewegliche Elemente in der Fassade bekommen. Einerseits sollen sie erforschen, was für clevere Dinge sich mit beweglichen Fassadenelementen machen lassen, andererseits müssen sie lernen, die Bewegungen zu disziplinieren. Konkret lasse ich die Studierenden beispielsweise nach Lösungen zur Beschattung eines Fensters suchen. Die Ideen dürfen dann aber nicht nur am Bildschirm interessant aussehen, sondern müssen auch in den Modellen, die wir davon bauen, technisch funktionieren. Dabei kommen sehr hübsche Dinge heraus, die sich aber nicht alle in der Praxis realisieren lassen.

Prof. Michael Schumacher, vielen Dank für das Gespräch.


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