Neufrankengasse 22 von Vera Gloor

Die Nutzer sollen den Grundriss prägen
und nicht umgekehrt





Ursprünglich studierte Vera Gloor (*1963) Theaterproduktion. Nach einigen Jahren im Beruf wechselte sie an die ETH Zürich, um Architektur zu studieren. Seit 1994 führt sie in Zürich ein eigenes Architekturbüro mit heute 16 Mitarbeitern. Vera Gloors Portfolio umfasst vor allem Umbauten älterer Häuser, darunter viele Liegenschaften in den Stadtzürcher Kreisen 4 und 5, aber auch einige Neubauten. Zu ihren bekanntesten Arbeiten zählen unter anderem der Neubau eines Mehrfamilienhaus neben dem Bahnhof Winterthur, die Sanierung mehrerer Häuser an der Josefstrasse in Zürich und der Neubau an der Neufrankengasse, ebenfalls in Zürich.


Fast 3000 Züge rollen am Haus täglich an der Neufrankengasse 22 in Zürich vorbei. Trotzdem haben Sie einen Teil der Wohnungen explizit zum Gleisfeld hin ausgerichtet. Was hat Sie dazu bewogen?
Der Tessiner Architekt Luigi Snozzi hat die Wirkung der grossen Gleisfelder auf das Stadtgefüge einmal mit derjenigen von Flüssen verglichen. Sowohl Gleisfelder als auch Flüsse schaffen unverbaubare Freiräume in der Stadt. Für mich geht der Vergleich noch weiter: Die ständige Bewegung durch die ein- und ausfahrenden Züge hat mich schon immer fasziniert und übt eine meditative Wirkung auf mich aus. Deshalb war es klar, dass ich einen Teil der Wohnungen aufs Gleisfeld ausrichten wollte. Dank hoch isolierenden Panoramafenstern und einer kontrollierten Lüftung ist es in den Wohnungen trotz Bahnlärm absolut ruhig.

Nicht nur der Ausblick, sondern auch das Innere der Wohnungen verblüfft. Zimmertrennwände fehlen und nur gerade der Kern mit den Nasszellen schafft eine Zonierung. Wie ist die Idee zu dieser Grundrisslösung entstanden?
Prägend war die Heterogenität der Randbebauung des Gleisfeldes wo kleine Schuppen neben hohen Solitärbauten stehen. Zudem hatten wir es mit einer Bauherrschaft zu tun, die gerne Motorrad fährt. Aus diesen Rahmenbedingungen kristallisierte sich die Idee heraus, einen Solitär quer zur Strasse zu stellen, der den Durchblick auf das Gleisfeld ermöglicht und dessen innere Struktur sich an einen Gewerbebau anlehnt. So entstand ein Haus mit Wohnungen, die dank fehlenden Trennwänden sehr flexibel genutzt werden können und – analog zu einem Gewerbebau – über einen Warenlift verfügen, mit dem man sein Motorrad in die eigenen vier Wände hochnehmen kann.



Trotz fehlender Trennwände müssen die Mieter dank Schiebeelementen nicht auf ein Stück Privatheit verzichten. Sind Schiebelösungen für Sie ein wichtiger Schlüssel für innovative Grundrisslösungen?
Ja, dank der Schiebewände müssen die Mieter nicht auf Privatsphäre verzichten, denn bei früheren Projekten mit freien Grundrissen haben wir gemerkt, dass es vielen Nutzern ein Anliegen ist, trotzdem ein Stück privaten Raum einrichten zu können. An der Neufrankengasse haben wir deshalb den Kern mit den Nasszellen so platziert, dass dank der Schiebetüren eine Abtrennung einfach möglich ist.

Welche Rückmeldungen haben Sie auf diese neue Form der freien Nutzbarkeit des Grundrisses erhalten?
Den Mietern gefällt es und wenn man sich in den Wohnungen umsieht, merkt man, dass sie sehr kreativ mit den Möglichkeiten dieser Grundrissform umgehen.

Konventionelle Grundrisslösungen findet man in ihren Projekten kaum. Was animiert sie dazu, Räume ganz anders zu denken?
Konventionelle Wohnungsgrundrisse lassen einerseits den Mietern keine Freiheit, andererseits können sie schlecht auf künftige Veränderungen reagieren. Je weniger fixe Elemente vorhanden sind, desto nachhaltiger ist ein Grundriss, weil er sich einfacher an neue Bedürfnisse anpassen lässt. Solche Wohnungen können die Mieter frei einteilen und ermöglichen beispielsweise ein Nebeneinander von Arbeiten und Wohnen. Wir haben aber über die Jahre hinweg gemerkt, dass es nicht allen Interessenten für die Wohnungen leicht fällt, mit so viel Freiheit umzugehen. Deshalb haben wir das Modell immer wieder weiterentwickelt. Einzelne Wandscheiben oder Schiebetüren zum Abtrennen sind Elemente, die den Wünschen der Nutzer sehr entgegenkommen.

Direkt neben dem Haus an der Neufrankengasse 22 planen sie derzeit an einem weiteren Objekt – wie sehen die Grundrisse dort aus?
Im eben fertig gestellten Umbau an der Langstrasse 134 haben wir in den beiden obersten Geschossen erstmals eine sogenannte Clusterwohnung realisiert. Jeder der vier Mieter hat einen 36 Quadratmeter grossen privaten Bereich mit eigenem Bad. Dazu kommt ein teilweise zweigeschossiger, grosser Raum mit Küche, Essbereich und Lounge der von allen gemeinsam genutzt wird. Für mich ist dies eine Antwort auf den knappen Wohnraum in der Stadt und die grosse Zahl an Singlehaushalten. Das Konzept der Clusterwohnungen werden wir auch für den Neubau anwenden, der direkt neben das Haus an der Neufrankengasse zu stehen kommt. Hier laufen derzeit die Planungsarbeiten. Interessanterweise haben sich für dieses Projekt viele ältere Menschen bei mir gemeldet, die genau eine solche Form von privatem und gemeinschaftlichem Wohnen suchen.

Danke für das Gespräch, Frau Gloor.


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Mit zwei festen Elementen und drei Schiebewänden gelingt der Spagat zwischen Offenheit und Rückzug, so dass die Bewohner ihren Wohnraum individuell gestalten und verändern können.

Neufrankengasse 22

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